„Guten Tag, ich bin hochsensibel.“
Manchmal wünsche ich mir wirklich, ich könnte mich so vorstellen. Und noch mehr wünsche ich mir, dass andere dann wissen, was das bedeutet. Aber das ist Wunschdenken. Damit zumindest der kleine Teil der Menschen, die diesen Blogpost lesen, Bescheid wissen, erkläre ich es euch.
Hochsensibilität ist Fluch und Segen zugleich, bedeutet es doch, dass man alles viel deutlicher wahrnimmt. Man kann zB extrem schnell erkennen, in welcher Gefühlslage sich das Gegenüber befindet und kann sich emotional in nahezu alles hineinversetzen. Dadurch kann ich besser trösten. Gut zuhören kann ich ja sowieso.
Spontane Tränen auf Knopfdruck? Ausgelassene Fröhlichkeit im nächsten Moment? Gar kein Problem. Tränen passen ohnehin zu beidem.
Hochsensible sind auch oft sehr kreativ, ich zumindest. Ich kann mir jede Menge Geschichten ausdenken und sogar Bücher damit füllen. Ich kann meinen Plüschtieren unterschiedliche Charaktere geben und sie Abenteuer erleben lassen.
Klingt super, oder? Leider ist das alles nicht so einfach. Denn ich reagiere durch die Hochsensibilität auch extrem empfindlich auf alle äußeren Einflüsse. Geräusche, Gerüche, Temperatur – alles kann mich an schlechten Tagen aus der Bahn werfen.
Jemand hat zu viel Parfüm benutzt? Da sind die Kopfschmerzen vorprogrammiert. Die Temperatur entspricht nicht exakt meiner Wohlfühltemperatur, die einen Bereich von etwa drei Grad hat? Ich friere oder schwitze sofort wie verrückt.
Oder es muss nur eine Kollegin im Nachbarbüro laut telefonieren, schon kann ich meinem eigenen Angerufenen nicht mehr folgen. Oder im Lehrgang tuscheln zwei Leute zwei Reihen vor mir. Keine Ahnung, was der Dozent gesagt hat, ich war abgelenkt. Oder noch schlimmer: Da ist nachts eine Mücke im Zimmer. Das Summen kann mich die ganze Nacht wach halten.
Man könnte sagen, ich kann sprichwörtlich das Gras wachsen hören. Das Problem dabei ist allerdings nicht das Wahrnehmen an sich, sondern die Verarbeitung des Ganzen.
Mein Gehirn nimmt permanent so viele Reize wahr, dass es diese schlicht nicht verarbeiten kann. Das erschöpft mich, stört aber zugleich auch meinen Schlaf. Dann muss nur noch ein klitzekleines Bisschen dazu kommen – wie eine Mücke oder ein Brummen von draußen – und die Nacht ist gelaufen.
Am nächsten Morgen wache ich schon überreizt auf, sodass die kleinste Kleinigkeit das Fass zum Überlaufen bringen kann. Dann sitze ich halt am Frühstückstisch und weine, weil das Surren der Kaffeemaschine mich verrückt macht.
Andere halten mich deshalb für überempfindlich. Und natürlich, das bin ich ja auch. Ich würde manchmal gerne weniger fühlen. Weniger hören. Weniger riechen und mir weniger Gedanken um alles machen.
Aber wäre ich dann auch noch so sensibel anderen gegenüber? Und so kreativ? Ich weiß es nicht und ich werde es auch nicht herausfinden. Hochsensibilität kann man nämlich nicht ablegen, wenn man keine Lust mehr darauf hat. Die ist einfach immer da.