Tagebuchgedanken – Teil 1

Ich habe früher regelmäßig unregelmäßig Tagebuch geschrieben und die alten Einträge sind mir kürzlich wieder in die Hände gefallen. In einer Zeit Anfang bis Mitte 20 habe ich die Einträge (fast) immer mit einem Zitat aus einem Song begonnen und noch heute kann ich sofort fühlen, was ich damals gefühlt habe. Und beim Lesen der alten Gedanken ist mir aufgefallen, dass einige doch sehr tiefgründig und ergreifend formuliert sind. Daher kam mir die Idee, Ausschnitte davon hier in meiner Schreibwerkstatt zu veröffentlichen. Ich musste Einiges kürzen und Vieles weglassen, weil die verworrenen Storys von damals nicht mal mehr ich verstehe, aber einige der Gedanken sind wirklich interessant und gerade die Songzitate zeigen sehr eindrucksvoll, wie ich mich im Laufe der Zeit verändert habe. Wir beginnen im Jahr 2004, zwei Monate vor meinem 21. Geburtstag.

07. März 2004

„I just want to get away. Saving all your bullshit for another day. I’m the only one that can rescue me form me.“

Das ist ein Stück aus einem Song von Christina Aguilera. Ich muss sagen, diese Frau hat was. Nicht nur ihre geile Stimme. Sie ist ein bad girl und das wäre ich auch zu gern…

14. März 2004

„Fast kommt es mir wie eine Krankheit vor. Nimmst du meine Hand, dann denk ich, das muss wohl Fieber sein.“

Ich habe mich in V. verknallt. Schöne Scheiße. Ich hatte N. das mit V. erzählt und sie hat T. gefragt, wie ich an ihn rankomm. Immer schön Blickkontakt suchen und versuchen, mit ihm allein zu sein und dann im richtigen Moment fragen, was er grad denkt. Das klappt bei ihr vielleicht. Ich werd mich lächerlich machen ohne Ende. Scheiße. Ich hätte einfach meine Schnauze halten sollen. Jetzt bin ich wieder in die übelsten Probleme geraten. Und dabei ist doch Verliebtsein angeblich was Schönes!

21. März 2004

„The last rites for a soul on fire. Three little words and a question Why?“

Warum verliebt man sich eigentlich? Und warum immer in den Falschen? Die Liebe ist eine komplizierte Sache und dieses Wochenende hatte ich dann eine Allround-Konfrontation.

09. April 2004

„I’m not like them, but I can pretend. The sun is gone, but I have a light. The day is done, but I’m having fun. I think I’m dumb or maybe just happy. Think I’m just happy.“

Heute möchte ich am liebsten die Welt verändern und gleichzeitig heulen und sterben. Es gibt keinen wirklichen Grund für meine Gefühle. Alles ist nur irgendwie crazy. Ich habe den Todestag von Kurt Cobain vergessen, es war der 10., und jetzt fühle ich mich irgendwie schuldig. Nicht, dass ich es ändern könnte, aber: Nur das ist tot, was wir vergessen.

12. April 2004

„I hurt so bad inside, I wish you could see the world through my eyes. Each day ist the same – I just want love again.“

Ich weiß nicht, wie das alles weitergehen soll. Morgen muss ich wieder arbeiten und ich bin froh darüber. Erstmal wieder raus hier, wo man langsam aber sicher durchdreht.

17. Mai 2004

„Zweitausend Stunden habe ich gewartet. Ich hab sie alle gezählt und verflucht. Ich hab getrunken, geraucht und gebetet, hab dich flussauf- und flussabwärts gesucht.“

Ob der Text, der danach kommt, zutrifft, weiß ich noch nicht. Auf jeden Fall hat C. sich die ganze Woche nicht bei mir gemeldet und mittlerweile glaube ich, dass er sich nur gemeldet hat aus Schuld- und Pflichtbewusstsein und weil er halt in der Nähe und ihm langweilig war. Ich weiß, dass ich ihn nie vergessen werde, aber ich weiß auch, dass mir jedes seiner Worte weht tut und seine Anwesenheit schmerzt.

24. Mai 2004

„Die Tage vergeh’n, nichts passiert. Nichts ist gescheh’n und es rebelliert in den Falten meines Hirns, in den Ecken meiner Seele. Ich hab nächtelang gezecht, mich ins Koma gesoffen, oft gezielt, doch nie getroffen. Ich weiß, wie es ist, der Arsch zu sein“.

In letzter Zeit hab ich ständig das Gefühl, dass ein Tag nach dem anderen vergeht und nichts passiert. Das Leben zieht an mir vorbei, hinterlässt aber keine Spuren. Ich befinde mich einer leichten, aber andauernden Depression und frage mich ständig, wozu das alles gut sein soll. Wenn ich nicht wieder (relativ) regelmäßig Tagebuch schreiben würde, hätte ich gar kein Zeitgefühl mehr.

31. Mai 2004

„Du hast doch geweint beim Gehn‘. Warum bleibst du nicht und kehrst ganz einfach um? Ich küss sie alle weg die Tränen und um dein Zucken leg ich den Arm herum.“

06. Juni 2004

„And I find it kind of funny, I find it kind of sad. The dreams in which I’m dying are the best I’ve ever had. I find it hard to tell you, I find it hard to take. When people run in circles it’s a very, very mad world.

Heute ist so ein Tag, den ich streichen möchte. Gestern auch.

Altwerden ist etwas Schlimmes. Wenn man sich allein nicht mehr helfen kann und tagein, tagaus nur dasitzt und die Wände anschaut, weil man nicht mehr lesen oder hören kann. Ich will nicht alt werden. Ich wollte schon immer früh sterben und Tage wie dieser werfen die Frage auf: Wofür lebe ich? Lohnen sich diese ganzen Tage für das, was noch kommt oder bleibt mein Leben immer eine Katastrophe? Vier Wochen ist mein 21. Geburtstag her. Ich könnte schon mehr als ein Jahr tot sein. Vor vier Wochen hab ich C. zuletzt gesehen. Er taucht auf, wirft alle meine Gültigkeiten über den Haufen, verschwindet wieder und lässt mich mit den Scherben zurück. Wie immer. Das Schlimme ist, dass sich mein Leben immer um den gleichen Scheiß dreht und niemals besser wird. Zumindest bisher nicht.

13. Juni 2004

„Es gibt keine Liebe auf dieser Welt. Es ist ein Traum, der uns gefällt. Es gibt nur Lüge, Gier und Hass und viele Tränen, dick und nass.“

20. Juni 2004

„Eines Tages werd‘ ich mich rächen. Ich werd‘ die Herzen aller Männer brechen. Dann bin ich ein Star der in der Zeitung steht und dann tut es dir leid, doch dann ist es zu spät.“

29. August 2004

„Ich will weg von hier, doch es scheint egal, wohin ich lauf‘, das mit dir hört nicht auf. Sag mir, wann hört das auf? Und ich kämpf mich durch die Nacht, bin unter Tränen wieder aufgewacht. Ich krieg dich nicht aus meinem Kopf und dabei muss ich doch.“

26. September 2004

Ich will immer noch weg. Ich weiß nicht, wohin, es gibt kein Ziel, ich will einfach nur nicht mehr hier sein. Ich kann es kaum in Worte fassen, aber im Moment ist mir einfach alles zu viel. […] Ich möchte schon wieder alles hinschmeißen, aber ich muss mich zusammenreißen. ich muss endlich mal was zu Ende machen. Eigentlich will ich ja nach der Ausbildung ein Rechtspflegerstudium anfangen, aber wenn ich nur ans Bewerbungen schreiben denke, wird mir schlecht. Angst. Dieser ganze Druck. Ich sage ja, ich kann es nicht in Worte fassen, ich könnte einfach nur heulen. Mir ist kalt, von innen her und gegen diese Leere kann ich kaum was tun. Ich falle…

14. Oktober 2004

„Das ist die perfekte Welle, das ist der perfekte Tag, lass dich einfach von ihr tragen, denk am besten gar nicht nach.“

Es ist verrückt. Ich könnte – wenn ich wollte – glücklich sein. Aber ich bin es nicht. Ich habe schon wieder tausend Ängste und tausend Fragen in meinem Kopf, die mich blockieren. Es geht um T. Wir haben uns in letzter Zeit öfter getroffen und morgen wollen wir essen gehen. Ich müsste nur mit dem Finger schnippen. Eigentlich ist er voll nett und es passt auch so, aber ich traue mich nicht, Gefühle für ihn zuzulassen, weil ich nicht wieder verletzt werden möchte. Andererseits möchte ich doch geliebt werden, einen Freund haben … und jetzt stehe ich so knapp davor, aber ich bleibe stehen, möchte am liebsten umdrehen und zurücklaufen, aber auch daran hindert mich etwas – ich möchte ihn nicht verletzen. Ich kann doch aber nicht ewig hier stehen bleiben!

24. November 2004

Ich finde keinen Anfang, einfach keinen Song, der auf meine Situation passt. Seit Tagen/Wochen will ich schreiben, aber ich weiß einfach nicht, wo ich anfangen soll. Vielleicht erstmal mit T. Er ist mir total auf den Keks gegangen, hat mich immer genervt mit Treffen und so weiter. Donnerstag hab ich von ihm Blumen gekriegt mit einer Karte, in der er mir seine Liebe gestanden hat. Ganz toll. Freitag hatte er mir dann gesmst, woraufhin ich ihm geschrieben hab, er solle mich in Ruhe lassen. Ich hoffe, er hat das jetzt kapiert.

Break

Hier setze ich mal das Ende für Teil 1. Lustigerweise habe ich keinerlei Erinnerungen an T., obwohl im Tagebuch sogar sein ganzer Vorname steht.

Ich denke aus den bisherigen Einträgen ist deutlich geworden, das ich sehr viel gegrübelt habe und extrem traurig, wütend und hilflos war. Ob und wie sich das im Jahr 2005 geändert hat, erfahrt ihr, wenn ihr mögt, im nächsten Teil.

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