Zwischen dem letzten richtigen Tagebucheintrag im Jahr 2004 ist einige Zeit vergangen bis zum ersten Beitrag in 2005 und am Anfang fanden sich auch scheinbar keine geeigneten Songzitate, aber viele schwere Gedanken.
09. März 2005
Tausend Worte stehen auf den Zetteln, die um mich herumliegen, aber ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Ich bin bis über beide Ohren in N. verknallt, hoffnungslos. Er flirtet aber auch die ganze Zeit mit mir, zwinkert mir zu. Ich muss immer an ihn denken, und habe nur richtig Lust aufzustehen, wenn ich weiß, dass ich ihn sehen werde. Es ist furchtbar. Ich kann nicht von ihm schwärmen, weil ich mich für diese Liebe hasse. Verdammt, er ist verheiratet und liebt seine Frau. Mit so einer wie mir würde er nie etwas anfangen. Er findet es sicher lustig, ein bisschen rumzuschäkern, weil dann die Arbeit nicht so langweilig und ernst ist. Aber ich halte das kaum noch aus. Wenn er mich berührt, ist das wie ein Schlag und wenn ich ihn sehe, toben tausend Schmetterlinge in meinem Magen. Ein Kuss von ihm oder… – Ich bin wirklich widerlich!
Und T., mit dem ich was haben könnte, von dem will ich einfach nix. Ich habe Angst. Riesige Angst vor einer Beziehung, etwas von mir preisgeben und die ganzen Masken ablegen. Als ich das das letzte Mal getan habe, bin ich viel zu tief verletzt worden. Ich möchte das nie wieder erfahren, also verschließe ich mich von vorn herein (habe ich den Schlüssel noch?). Dass ich einen Kuss kriege, ist so wahrscheinlich wie das Leben auf dem Mond. Es ist unmöglich. Ich habe eine Mauer um mich errichtet, die niemand mehr durchbrechen kann und es auch gar nicht soll. Wenn ich allein bin, wünsche ich mir oft, dass jemand da ist, aber ich kann ja nicht mal einen süßen Typen anlächeln, weil ich Angst habe, er bemerkt es (was ja der Sinn der Sache ist) und spricht mich an. Es gibt keine größere Strafe, als in sich selbst gefangen zu sein. Diese Strafe habe ich mir auferlegt, um nie wieder Liebe erfahren zu müssen. Liebe bedeutet Schmerz. Einseitige Liebe ist kalkulierbarer Schmerz. N. wird niemals darauf eingehen und mich nie von sich aus verletzen. Verletzten tue nur ich mich selbst. Aber erwiderte Liebe ist der wirkliche, unkalkulierbare Schmerz, weil man nie weiß, was der andere einem antun wird. Ich bin beziehungsunfähig und will auch gar nicht fähig sein (auch, wenn ich es mir in schwachen Momenten wünsche), denn die Mauer ist völlig unüberwindbar. So liebe ich aus der Ferne und bin Gefangener meiner Liebe, für die nur ich mich bestrafe und niemand sonst…
07. April 2005
Kann man zu viel denken? Alles viel zu Ernst nehmen? Ist das Leben nur ein Spiel? Im Moment stelle ich mir tausend Fragen und auf keine finde ich eine Antwort. Manchmal glaube ich wirklich, ich denke zu viel, bin zu ernst für diese Welt. Aber ich kann nicht ständig lachen, weil mir eher zum heulen ist. Ich kann das alles kaum in Worte fassen, es ist zu viel, das mich bewegt. R. ist tot. Der R. von der Schülerzeitung. Hat sich auf Klassenfahrt aus dem 10. Stock des Hotels gestürzt, weil seine Freundin per SMS mit ihm Schluss gemacht hat. Was denkt man, wenn man aus dem 10. Stock springt und die Erde unaufhaltsam näher kommt? Oder denkt man nichts? T. wollte sich auch umbringen, hat es dann aber doch nicht getan. Und er wird es auch nicht. Genauso wenig wie ich. Kann man depressiv sein ohne wirklich sterben zu wollen? Im Moment ist alles nicht so einfach und viele Dinge lassen mich innerlich frieren und traurig sein, obwohl meine Maske nichts zeigt. Ich bin ein Betrüger an mir selbst und allen anderen, aber am meisten an mir selbst…
Ich ertrage diese Stille nicht. Aber ich ertrage auch diese ganzen Worte nicht mehr. Jedes Wort sauge ich auf, als könnte es das letzte sein. Niemals ist mein Kopf leer – er ist immer voller Worte. Ich kann nicht aufhören zu denken. Die Leere ist in meinem Herz, in meiner Seele. Keine Droge der Welt kann sie füllen. Diese Sehnsucht. Dies Angst. Wo kommen nur diese vielen Worte her? In mir ist es niemals still. Ich will, dass es aufhört. Tausendmal habe ich mir vorgestellt, wie es wäre mit Vollgas in der Kurve geradeaus zu fahren, übers Feld zu schießen und zu lachen. Zu lachen, weil ich weiß, dass es gleich vorbei sein wird. Ich werde noch durchdrehen. Mein Blick ist hasserfüllt und die Mauer um mich wird immer höher und immer dicker und bald sieht man nur noch eine Illusion von mir.
Ich bin der Selbstbetrug. Der lachende Clown mit Tränen auf den Wangen. Ich muss hier raus, ganz weit weg. Aber nichts ist weit genug weg, als dass ich dort glücklich oder zufrieden sein könnte. Ich müsste weg von mir, um das zu erreichen, aber wie soll das gehen? Körper und Geist sind untrennbar. Ich muss hier raus. Ich will jemand anders sein. Ich bin krank, aber kein Arzt kann mir helfen, weil ich keine Hilfe will. Ich will einfach nur weg von MIR…
18. September 2005
Die Zeit heilt keine Wunden, man gewöhnt sich an den Schmerz.
Es ist viel passiert und ich habe schon lange nicht mehr die Zeit gefunden (oder die Lust gehabt), es zusammen zu fassen. Es ist schwer, alles zu sagen und nichts zu vergessen, aber ich werde es versuchen. […]
Ansonsten gibt es auch in meinem Leben gute und schlechte Tage. I live. Ich komme damit klar, es ist nicht immer leicht, damit klarzukomen, wenn alles schwarz ist, aber man gewöhnt sich daran; genau wie man sich daran gewöhnt allein zu sein und nicht geliebt zu werden und selbst zu lieben. Ich werde das mit C. niemals vergessen und wohl auch nie wirklich verarbeiten, aber es ist besser ohne ihn. Vielleicht gibt es irgendwann mal wieder einen Typen in meinem Leben, aber ich suche nicht mehr, weil es eh nix bringt. Entweder der Richtige steht irgendwann da oder er lässt es. Es ist auch nicht alles mies in meinem Leben.
24. Oktober 2005
„My beloved do you know, how many times I stared at clouds, thinking that I saw you there? These are feelings that do not pass so easily…“
Seit über drei Jahren bin ich jetzt Single und ich kann nicht behaupten, dass es mir besonders gut damit geht. Aber es gibt wohl schlimmere Probleme in meinem Leben. Ich soll nämlich einen Unfall verursacht haben und abgehauen sein. Somit habe ich jetzt nicht nur ein Ermittlungsverfahren wegen Fahrerflucht gegen mich laufen, sondern auch noch die Schadenregulierung. Ich soll zu 50 % Schuld sein. So eine Scheiße. Ich war das nicht, hab aber keine Zeugen, die das beweisen können. Es ist zum kotzen. Seit ich davon weiß, schlafe ich schlecht, hab ständig Kopf- und Magenschmerzen. Hoffentlich komm ich da heil wieder raus, das Ganze kann gravierende Folgen haben. Ansonsten hat man bei Papa jetzt einen Tumor festgestellt. Er muss nächsten Dienstag ins Krankenhaus. Ganz toll. Ob er gut- oder bösartig ist, weiß man noch nicht. Hoffentlich geht auch das gut aus.
05. Februar 2006
„Ist dies noch mein Gesicht? Ich hör meine Stimme nicht. Ich habe Angst, zu seh’n, dies könnte alles vergeh’n.“
Ein Tag nach dem anderen vergeht und nichts passiert. Es ist wie ein Fluch, der über mir hängt. Morgen ist der Unfall fünf Monate her. Ich weiß jetzt, wer der ist, der mich beschuldigt hat, aber dieses Wissen nützt mir nichts. Ich kann nicht hingehen und mal eben fragen, was er sich dabei gedacht hat. Aber ich kann auch nicht mehr lange so weiter machen. Tagein, tagaus.
Heute kommt Papa von der Kur zurück. Er war fast fünf Wochen weg.
Mit meinen „Freundinnen“ läuft es auch nicht so wirklich gut. Sie merken nicht mal, dass mit mir was nicht stimmt. Gestern Abend (Samstag) bin ich z.B. zu Hause geblieben und es hat niemand gefragt, was los ist. Mein schlechter psychischer Zustand fällt nicht mal auf. Ich gebe mir Mühe, aber man könnte es erkennen. Ich versuche, mich nicht zu ritzen, auch wenn die Versuchung / das Bedürfnis groß ist, aber ich habe Angst, dass jemand die Narben bzw. Verletzungen sieht.
11. Februar 2006
Es ist gleich 11 Uhr am Samstagabend und ich sitze zu Hause und weine vor mich hin.
Irgendwie ist es wohl Ironie des Schicksals, dass ich am Dienstag das Booklett von C.’s Loreena McKennitt-CD hinterm Schrank gefunden habe. Auf den Tag genau 4 Jahre nachdem wir zusammengekommen sind. Ich habe ihm ne SMS geschickt und gefragt, ob ich es ihm mit der Post schicken soll. Er schlug vor, dass wir uns auch mal treffen können. Das haben wir dann gestern Abend getan. Es war schön, viel zu schön, und völlig surreal. Heute habe ich das Gefühl, dass das nie passiert ist, aber seine Worte weiß ich noch fast alle, es muss also PASSIERT sein. Die eigentlichen Erkenntnisse waren, dass er mich nie so geliebt hat wie ich ihn und dass ich ihn immer lieben werde. Ich will niemanden anders, nur ihn. Ich weiß, dass das bescheuert und unrealistisch ist, aber – so what? Zumindest hab ich damit auch die Frage bezüglich meines Interesses an M. beantwortet – Null. Es ist das gute, alte Spiel, das ich mit jedem Typen abgezogen hab, einfach nur, weil keiner so ist wie C. Ich werde durchdrehen, aber auch das ist egal. Heute Abend habe ich wieder perfekt diese Rolle gespielt, die ich auch immer spiele. Und niemand bemerkt was. Es ist erschreckend, wie leicht man Menschen täuschen kann…
Jetzt starre ich die ganze Zeit auf mein Handy, weil ich auf eine SMS von C. warte, ob wir uns morgen nochmal treffen, wenn F. da ist. Ich hoffe es und weiß gleichzeitig, dass es Gift für mich ist. Er wusste noch so viel. Wir haben zig alte Storys aufgewärmt und es war schön und tat gleichzeitig weh, sie zu hören. Eigentlich hat er mich niemals verlassen und er müsste nur ein Wort sagen… Es ist erschreckend, was er für eine Macht über mich hat.
12. März 2006
„I don’t know why our time went by, there’s nothing left to feel – except this boring kind of anger that’s wasting me.“
Es wird niemals aufhören. Ich werde niemals aufhören, an ihn zu denken. Aber es macht nichts besser. Ich fühl mich so allein. In der letzten Zeit geh ich meinen „Freunden“ aus dem Weg, weil ich nicht über mich reden will. Es interessiert sie ja doch nicht. Sie sind nur sauer auf mich, wenn ich nicht weggehen will, aber warum es mir nicht gut geht, ist ja egal. Im Moment überfordert mich einfach alles.
03. April 2006
Ich weiß nicht, wie und wo ich anfangen soll. Ich bin schon wieder viel zu traurig und allein. Ich fühle mich immer unwohler zwischen Menschen, vor allem meinen „Freunden“. Vor allem empfinde ich sie nicht als Freunde, als Personen, zu denen ich gehen kann, wenn mich etwas bedrückt. Ich ziehe mich lieber zurück. Mit A. habe ich darüber gesprochen, dass es mir nicht gut geht und auch über das Ritzen, aber helfen kann sie mir nicht und auch so – ich lasse solche Ausbrüche demnächst lieber, es geht keinen was an. Am Samstag waren die ersten beiden Klausuren. Davor hab ich nur gelernt. Jetzt weiß ich nichts mehr mit mir anzufangen, möchte mich verkriechen und nie wieder hervorkommen. Im Büro wird es auch nicht besser. Außerdem hat N. zum Ende des Monats gekündigt. Ich weiß nicht, wie ich das alles aushalten soll.
10. April 2006
„Many words, many dreams I’ve got to give. But in this racing world there is no place for me. And if I leave today no memories remain.“
Ich komme mir so unwichtig vor, geradezu lächerlich unbedeutend. Warum sollte man sich auch für mich interessieren? Ich komme mit mir selbst überhaupt nicht zurecht. Ich bin richtig verzweifelt, weil ich das Gefühl habe, nichts auf die Reihe zu kriegen. Ich fühle mich so allein und muss ständig aufpassen, dass ich nicht losheule. Am schlimmsten sind diese Selbstzweifel: Wofür mache ich diese ganze Scheiße mit? Die Arbeit, wo mich mein Chef nur mobbt? Das Seminar, das mir viel zu viel ist? Diese „Freunde“, die mir nichts mehr geben? Dieses Leben, das mich krank macht? Ich hasse mich und diese ganze Scheiße. Ich kriege nichts auf die Reihe! Und was zählen schon Noten, wenn ich sonst nichts kann? Außerdem geht N. Ende des Monats. Noch jemand, der mir etwas bedeutet, der mich verlässt. C. meldet sich auch nicht mehr. Ich bin ihm völlig egal. Dass es mir schlecht geht, ist eh allen egal. Heute ist wieder so ein schlimmer Tag. Ich glaube, die ganze Woche wird so. Aber ich habe ja nicht nur mal einen schlechten Tag, nein, ich habe ein schlechtes Leben.
17. April 2006
„Ich bin der lachende Prophet, der eine Maske trägt und dahinter seine Tränen zählt. Ich bin der brennende Komet, ich bin der stumme Clown, ich bin die Träne und das lachende Gesicht.“
Ich komme mir immer mehr wie ein Betrüger vor, an den Menschen um mich herum und vor allem an mir selbst. Erst heute habe ich es wieder auf die Spitze getrieben, einen Menschen verletzt und mir selbst die Hoffnung auf Liebe und Hilfe verbaut. […] Jetzt tut mir das Ganze natürlich irgendwie leid, aber allein die Vorstellung, jemand will mich anfassen oder ähnliches, löst bei mir totale Panik aus. Nur wenn dieser Jemand C. wäre, dann nicht. Wollte er sich mit mir treffen, wäre ich sofort bereit. Aber bei jedem anderen bekomme ich Panik. Ich bin echt krank. Ich hatte die Chance, die Einsamkeit zu durchbrechen und was mach ich? Tiefer in die Einsamkeit fliehen. Verdammt, ich werde durchdrehen. Ich spüre es, wie ich langsam wahnsinnig werde, aber ich weiß nicht, was ich dagegen tun soll. Bald bin ich 23, aber ich benehme mich wie eine verdammte Dreijährige. Was soll nur aus mir werden?
01. Mai 2006
„I was never faithfull and I was never one to trust. Boderline and schizo and guarenteed to cause a fuss.“
In letzter Zeit ist echt alles nicht so einfach. N. hat letzten Donnerstag aufgehört und ab morgen beginnt also der ganz normale Wahnsinn ohne ihn. Irgendwie graut mir schon davor, weil es mit Sicherheit mies wird.
Beim Seminar hat sich Freitag beim Essen und Samstag im „Unterricht“ S. zu mir gesetzt. Wir haben uns auch richtig gut verstanden. Er ist voll süß. N. hatte mir am Freitag noch was vorbeigebracht und einige dachten, das wäre mein Freund. Leider nicht. Wobei ich ja gar keinen Freund will. Definitiv kann ich nicht mal sagen, warum, was das Ganze nicht leichter macht. Ich habe Angst vor Nähe, davor, verletzt zu werden und davor, mit einem Mann schlafen zu müssen. Aber sind das die Gründe?
Ich bin sehr enttäuscht von meinen „Freunden“. Ich habe eh das Gefühl zu fallen und dass alles dunkler wird. Vielleicht die Hormone, vielleicht eine neue depressive Phase – wir werden sehen.
Break
Hier beende ich Teil 2, denn danach hat sich alles in eine vollkommen unerwartete Richtung gewendet und das schreit gerade zu nach einem eigenen Teil.